die dokumentarfilme von Quinka F. Stoehr


home > die Filme > Zuneigung > Pressestimmen > Kieler Nachrichten

Ruth Bender
Kieler Nachrichten 1.Juli. 2005
Ich bin wie ein Archäologe
Quinka Stoehr dreht eine Dokumentation über die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen.
Sie gehörte in Nachkriegs - Deutschland zu den Pionierinnen hinter der Kamera und hat mit „Heimkinder“ und „Warte bis der letzte von uns da“ ist eigene, zum Teil preisgekrönte Dokumentarfilme gedreht: Gisela Tuchtenhagen. Dem wechselvollen Leben der 62-Jährigen
spürt die Kieler Filmemacherin Quinka Stoehr jetzt in einem Film für ZDF/3sat nach.

Ursprünglich hatte sie einfach eine Filmemacherin und ihre Arbeit vorstellen wollen:"Aber dann",
sagt Quinka Stoehr, "habe ich das Tagebuch von Gisela Tuchtenhagen gelesen. Und da ist in meinem Kopf sofort ein Film entstanden."

Ein anderer Film, in dem der Mensch so präsent ist wie die Künstlerin: "Ich will zeigen, woher die Power und die Sperrigkeit kommen, die ich in den Filmen von Gisela Tuchtenhagen entdeckte."
Quinka Stoehr hat die Kamerafrau und Dokumentarfilmerin, die auch für die Kieler Filmemacherin schon mehrfach die Kamera (Das andere Land, Die Albertis ) geführt hat, in Hamburg besucht, ist mit ihr auf Spurensuche gegangen : in Paris, wohin Gisela Tuchtenhagen 1959 mit 16 floh, im lauenburgischen Salem, wo die Jugendliche vorher im Heim gelebt hatte, auf Landeland, das sie einst mit ihrem langjährigen Partner und Kollegen Klaus Wildenhahn bereiste.
"Es gibt wenige Stellen im Film, wo wir sitzen und reden", sagt Quinka Stoehr, "wir machen eigentlich ständig...".

Die Kamera (Volker Tittel) macht die Bewegungen mit, kann aber auch innehalten, verweilt auf Gesichtern. Und zieht einmal in langsamer Kreisbewegung über die Landschaft zurück auf Tuchtenhagens gespannt Miene. Da hat die Filmemacherin gerade erzählt, wie sie aus dem Heim abgehauen ist, immer wieder, bis man ihr erst die Kleider wegnahm, bevor sie als "unerziehbar"
zu den Eltern zurückgeschickt wurde.

"Dass ich die Ausdrucksmittel Foto und Film gefunden habe, ist der Grund, dass ich überlebt habe", hat Gisela Tuchtenhagen während der Dreharbeiten erzählt. Sie war in den Siebzigern die erste Frau auf dem Cover der Fachzeitschrift Kameramann, für ihre intensiv schweifende Beobachtung mit den langen Einstellungen hat sie zwei Mal den Grimme-Preis bekommen (Emden geht nach USA, Heimkinder). "Es gibt keine Regieanweisungen", sagt Quinka Stoehr über ihre Arbeit, die Tuchtenhagcns eigenwilligen Stil aufgreift, "ich arrangiere, aber ich inszeniere nicht. Ich versuche, Situationen herzustellen, in denen etwas passiert." Wie die unverhoffte Begegnung in Paris, mit Leo, dem unbekannten Sohn von Gisela Tuchtenhagens erster großer Liebe. "So was kannst du dir nicht ausdenken. Das geschieht, wenn du Glück hast." Quinka Stoehr geht es - um Beobachtungen, von Menschen und Begegnungen, darum, die Schwingungen zwischen den Leuten einzufangen:
"Da bin ich wie ein Archäologe, der seine Fundstücke einsammelt."

Die Geschichte, ihre Strukturt entsteht später, dieser Tage also am Schneidetisch in der Hansastraße 48, 35 Stunden Film, die auf 80 Minuten kondensiert werden, im Auftrag - von ZDF/3sat für die sonntägliche Reihe "Dokumentarfilmzeit" - (Sendetermin voraussichtlich - im Herbst). Es gab kein Drehbuch, aber Ideen und den Plan, ausgehend vom Jetzt "Erkundungen in die Vergangenheit" - zu unternehmen. Bilder von heute, die Quinka Stoehr mit Fotos und Ausschnitten aus Tuchtenhagens Oeuvre montiert und mit Texten aus der unveröffentlichen Autobiographie unterlegt. Lauter Bruchstücke, die sich wie im Puzzle fügen sollen. Nur nicht so rechteckig und vollständig. Leerstellen gehören dazu, eine fertige Geschichte will die Dokumentarfilmerin und Muthesius-Dozentin nicht erzählen: "Da muss Raum bleiben, um eigene Empfindungen zu entwickeln..."