Zuneigung – Die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen

84 Min. | 2006
  • Inhalt

    Ihr Leben spiegelt sich in ihrer künstlerischen Handschrift. „Ich werde immer ein leiser Mensch bleiben“, sagt Gisela Tuchtenhagen über sich. Genauso leise und sensibel wie die mehrfach ausgezeichnete Grimme-Preisträgerin ist auch ihr filmisches Porträt.

    Zuneigung – Die Filmemacherin Gisela Tuchtenhagen
    ist eine komplexe, warmherzige Annäherung an das wechselvolle Leben der Frau, die in den 70er Jahren zu den ersten Kamerafrauen gehörte. Gemeinsam mit ihr begibt sich der Film auf Spurensuche, fügt Bruchstücke aus Kindheit und Studienjahren, aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen und zeichnet so das Bild einer lebensklugen Frau und versierten Dokumentarfilmerin, deren künstlerische Arbeit untrennbar mit ihrer Biografie verbunden ist.

  • Pressestimmen

    Ein leiser Porträtfilm, der eine Annäherung an die Kamerafrau und Dokumentaristin Gisela Tuchtenhagen sucht. Die Spuren ihrer Vita werden nicht mit Hilfe langer Interviewpassagen erkundet; stattdessen entwirft der Film Situationen, in denen die Protagonistin auf Orte und Menschen ihrer Vergangenheit reagieren und die damit verbundenen Gefühle auch durch Blicke, Gesten oder beredtes Schweigen transparent machen kann. (...) Eine unaufdringliche Hommage an jene Filmemacherin, die vor rund 30 Jahren als erste Frau auf dem Titel der Zeitschrift „Der Kameramann“ zu sehen war und seitdem den deutschen Dokumentarfilm wesentlich mitgeprägt hat.
    (Ralf Schenk in: film-dienst 11/07)


    „Dass ich die Ausdrucksmittel Fotografie und Film gefunden habe, hat mich überleben lassen“ - diese Aussage von Gisela Tuchtenhagen ist die Spur, der nun ein spannender Dokumentarfilm von Quinka Stoehr folgt. „Zuneigung“ ist eine filmische Reise in die Vergangenheit und Gegenwart einer ungewöhnlichen Frau und Filmemacherin, deren Lebens - und Arbeitsmotto sie selbst mit „Zuneigung“ beschreibt.
    (Berliner Zeitung 27. 9. 07)


    „Es gibt keine Regieanweisungen“, sagt Quinka Stoehr über ihre Arbeit, die Tuchtenhagens eigenwilligen Stil aufgreift, „ich arrangiere, aber ich inszeniere nicht. Ich versuche, Situationen herzustellen, in dene etwas passiert.“ Wie die unverhoffte Begegnung in Paris, mit Leo, dem unbekannten Sohn von Gisela Tuchtenhagens erster großer Liebe. „So was kannst du dir nicht ausdenken. Das geschieht, wenn du Glück hast.“ Quinka Stoehr geht es - um Beobachtungen, von Menschen und Begegnungen, darum, die Schwingungen zwischen den Leuten einzufangen:“Da bin ich wie ein Archäologe, der seine Fundstücke einsammelt.“
    (Kieler Nachrichten 6/06)


    Quinka Stoehrs Porträt ist eine (...) warmherzige Annäherung an das wechselvolle Leben einer lebensklugen Frau, deren Haltung zum Leben sich in ihrer Handschrift als Filmemacherin spiegelt. Kunstvoll verschränkt die Regisseurin Gesprächsszenen und Aufnahmen aus der Gegenwart mit Filmzitaten und Bildern, die die Dokumentarfilmerin bei der Arbeit zeigen. Dazwischen verweisen Tagebuchaufzeichnungen auf bedrückende Jugendjahre.
    „Dass ich die Ausdrucksmittel Fotografie und Film gefunden habe, hat mich überleben lassen“, sagt sie, ein großer Satz, der im Schweigen nachklingt. Quinka Stoehr lässt diese Pausen zu, starke Momente, in denen die Kamera auf dem Gesicht ihres Gegenübers ruht, das in solchen Augenblicken mehr offenbart als tausend Worte.
    (Sabine Tholund in www.infomedia-sh.de)


    Man sieht ja als Kameramann nicht häufig den Kolleginnen und Kollegen bei der Arbeit zu. Eigentlich passiert das überhaupt nicht. Als sich diese Möglichkeit für mich auftat, war ich in einer Mischung aus persönlicher Neugierde und beruflichem Interesse sofort an dem Projekt interessiert. Wir haben Gisela Tuchtenhagen an einigen Drehtagen begleitet, haben sie manch sensible dokumentarische Situation filmend gefilmt. Das war für mich routinierten Doku-Kameramann ziemlich spannend, und ich erhielt sehr interessante Einblicke in ein ungewöhnliche dokumentarische Arbeitsweise. Meine persönliche Haltung und meine eigene routinierte Herangehensweise im Dokumentarfilm lernte ich während der Dreharbeiten zu hinterfragen.
    (Volker Tittel in Film&TV Kameramann, 7/06)


    Unaufdringlich und gleichzeitig intensiv beobachtet die Kamera von Volker Tittel die Filmemacherin, begleitet sie zum Treffen mit dem ehemaligen Lebensgefährten Klaus Wildenhahn, surft durch die Wohnung, aus der sich Tuchtenhagens Adoptivsöhne gerade ins Erwachsenenleben verabschieden. Und Quinka Stoehr enthält sich jedes erklärenden Kommentars; sie reisst Geschichten an, lässt Bruchstücke stehen und Leerstellen, an denen sich die Phantasie entzündet. So enthüllt sich nicht nur Tuchtenhagens filmischer Ansatz der Einlassung, so entsteht auch das intensive Bild einer Persönlichkeit, unter deren kühler Beherrschung bis heute ein Brandsatz glimmt und die im Filmemachen einen Weg gefunden hat, die Energien umzuwenden ins Produktive.
    (Kieler Nachrichten, 3/06)


    Zuwendung statt Zerstörung: Wie auch Wildenhahn betreibt Gisela Tuchtenhagen das dokumentarische Filmemachen als kommunikativen Akt, der das Gegenüber als Partner , nicht als Objekt begreift. Es ist eine moralische Haltung, die ästhetische Konsequenzen hat. Denn der Respekt vor dem anderen fordert, dass sich Dramaturgie, Perspektive und Lichtsetzung den Menschen vor der Kamera unterordnen. So füllt sich der (...) Titelbegriff „Zuneigung“ mit konkretem Inhalt und beschreibt eine Arbeitshaltung, die sich in Stoehrs Film anschaulich bei Tuchtenhagens bewegter Dreharbeit (...) beobachten lässt. Die enge Verbindung von Leben und Arbeit ist ein Leitmotiv des ebenso intimen wie diskreten Portraits der Kieler Regisseurin Quinka Stoehr, die ihrer Protagonistin nicht nur durch einige gemeinsame Filmprojekte, sondern auch durch eine ähnliche Arbeitsweise verbunden ist.
    (Silvia Hallensleben, epd-Film, 12/07)


    Quinka Stoehrs Porträt ist ein eindrückliches (...)Porträt, das den ZuschauerInnen Raum lässt für eigene Gedanken und Interpretationen (...). Die wohlwollende Zurückhaltung, der Respekt gegenüber der Porträtierten prägen den Film über Gisela Tuchtenhagen. An diesem Punkt hat Quinka Stoehr von der „Filmmutter“ gelernt: sie greift auf, was auch die Filme Tuchtenhagens ausmachen: eine feine Wahrnehmung, mit der Kamera dabei zu bleiben, Stille aushalten und die Menschen kommen zu lassen. Doch hat Quinka Stoehr längst ihren eignen Stil entwickelt. So arrangiert sie, zum Beispiel an Orte zu reisen, die für die Protagonistin bedeutend waren.
    (Maike Jaschok in: gesche.online, Bremen)


    „Das Interessante an Quinka F. Stoehrs Porträt ist die Mischung aus Persönlichem und Beruflich-Künstlerischem, aus der das vielseitige Bild einer beeindruckenden, ebenso herzlichen wie eigenwilligen Frau entspringt. Man trifft hier nicht nur auf einstige Kollegen wie den Filmemacher Klaus Wildenhahn, mit dem Tuchtenhagen lange zusammengearbeitet hat und auch privat verbunden war, sondern sieht sie ebenso in Interaktion mit ihren beiden Adoptivsöhnen. Die Regisseurin nähert sich Tuchtenhagen auf ihre eigene Weise: eben indem sie sich ihr „zuneigt“.
    (Katalog: 23. Kasseler Dokumentarfilmfestival)


    Ruth Bender
    Kieler Nachrichten vom 09.03.2006

    „Filmen um zu Überleben“

    Kiel – Es ist dieser ruhig abwartende Blick, der hängen bleibt.
    Unvoreingenommen, offen für das, was sich ihm bietet. Sich dem Gegenüber mit Interesse bis zur Sympathie zuneigend. Die Kamera bleibt auf diesem Blick hängen, übernimmt ihn in die eigene Betrachtung, ruht auf dem Gesicht von Gisela Tuchtenhagen, lässt ihr Zeit, ihre spröden Sätze zu formen, geht mit ihr auf Spurensuche im eigenen Leben.

    Ergebnisoffen. Denn auch das ist der Film Zuneigung, den die Kieler Regisseurin Quinka Stoehr, unterstützt u. a. durch MSH und kulturelle Filmförderung, über die Kamerafrau und Dokumentarfilmerin Gisela Tuchtenhagen gedreht hat:
    „Ich wollte zeigen, wie sich das eine aus dem anderen erschließt – der künstlerische Ausdruck und das Leben. Vielleicht ist es aber am Ende vor allem ein Film geworden, der etwas über die Haltung zum Leben erzählt...“

    Ausgangspunkt ist das Tagebuch, dass die 16-jährige Gisela Ende der 50er Jahre in einer schleswig-holsteinischen Erziehungsanstalt begonnen und als Ausreißerin in Paris bis Mitte der 60er Jahre weitergeführt hat. Das erzählt in knappen Worten von Lebenssucht, Einsamkeit und Überleben, kommt in Ausschnitten aus dem Off, von der Schauspielerin Anne Ratte-Polle kühl-distanziert in die nebelverhangene Ödnis einer Autofahrt durchs lauenburgische Land oder eine nächtlich flirrende Zugfahrt gesprochen.

    Eine leise Distanz zum eigenen Ich setzt sich in Tuchtenhagens heutigen Worten fort. So, als beobachte sie sich selbst wie sonst die Heimkinder, die ihr 1986 den Grimme-Preis einbrachten, die Behinderten aus dem Hamburger Projekt INSEL, die sie in Donnerstag Nachmittag (2005) porträtiert, oder die Männerrunde im Heider Hahnebeerkrug, die sie gerade erkundet. Sie weicht der Erinnerung nicht aus, aber sie taucht auch nicht ein, hält ihre Geschichte auf Abstand. So ist auch die Begegnung mit Léo, dem Sohn ihres Geliebten aus der Pariser Zeit, weniger an den Schnittstellen der Erinnerung verwurzelt als im unmittelbaren Interesse, das Gisela Tuchtenhagen ihren Filmobjekten entgegenbringt.

    Unaufdringlich und gleichzeitig intensiv beobachtet die Kamera von Volker Tittel die Filmemacherin, begleitet sie zum Treffen mit dem ehemaligen Lebensgefährten Klaus Wildenhahn, surft durch die Wohnung, aus der sich Tuchtenhagens Adoptivsöhne gerade ins Erwachsenenleben verabschieden. Und Quinka Stoehr enthält sich jedes erklärenden Kommentars; sie reißt Geschichten an, lässt Bruchstücke stehen und Leerstellen, an denen sich die Phantasie entzündet. So enthüllt sich nicht nur Tuchtenhagens filmischer Ansatz der Einlassung, so entsteht auch das intensive Bild einer Persönlichkeit, unter deren kühler Beherrschung bis heute ein Brandsatz glimmt – und die im Filmemachen einen Weg gefunden hat, die Energien umzuwenden ins Produktive.

  • Interview

    Interview von Sabine Tholund mit Quinka Stoehr
    in Infomedia S.- H. 2 / 2006

    „Gisela war klar, dass ich „meinen“ Film machen musste ...“

    Wie kam es zu der Idee für das Filmporträt?

    Schon länger trug ich mich mit dem Gedanken, etwas über Dokumentaristinnen zu machen. Es gab die Gesprächsprotokolle „Dokumentarisch Arbeiten“ von Christoph Hübner und Gabriele Voss mit Dokumentaristen über ihre Arbeit und ihr Selbstverständnis. Eine wunderbare, sehr inspirierende Arbeit als Buch und auch bei 3sat als Interviews gesendet. Für mich hatte diese tolle Arbeit nur einen großen Haken. Bei der ersten Staffel war keine Frau dabei. Das erschien mir irgendwie anachronistisch, weil es doch eine Reihe von Frauen gibt, die sehr eigenwillige und wichtige dokumentarische Arbeiten abgeliefert haben, und diese Stimmen fielen einfach unter den Tisch. Als ich dann ein Qualifizierungsstipendium an der Muthesius Hochschule für Kunst und Gestaltung in Kiel erhielt, wollte ich eine ähnliche Arbeit mit Dokumentaristinnen machen, wobei mein Ansatzpunkt noch etwas biografischer gefasst sein sollte. Mit Gisela Tuchtenhagen wollte ich anfangen. Ich kenne sie sehr gut, wir haben schon zusammen gearbeitet und ich habe sehr viel von ihr gelernt. Als ich ihr von meiner Idee erzählte, gab sie mir ein Tagebuch aus ihrer Jugendzeit. Nachdem ich es gelesen hatte, wusste ich, dass ich einen „richtigen“ Film über sie machen müsste. Ein filmisch erzähltes Portrait, denn diese Tagebuchaufzeichnungen rissen mich mit ihrer Intensität wirklich fast vom Hocker und für mich setzte sich vieles, was ich über Gisela wusste, zu einem Bild zusammen. In meinem Kopf entstand sofort ein Film. So nahm ich Abstand von meiner ersten Idee und entwickelte das Exposé für diesen Film. Zum Glück habe ich dann auch eine Redaktion gefunden (ZDF Filmredaktion 3Sat, Inge Classen und Katya Mader), die diese Idee tragfähig und spannend fanden und Filmförderungen, die zusätzliches Geld gaben.

    Gab es inhaltliche oder formale Absprachen mit Gisela Tuchtenhagen?

    Gisela war klar, dass ich „meinen“ Film machen müsste, sie hat sich also wirklich sehr zurückgenommen. Sie kennt meine Arbeit, und wusste, dass ich nichts inszenieren würde, das hätte sie sicherlich auch abgelehnt. Aber ihr war klar, dass ich – anders als sie oder auch Klaus Wildenhahn es machen – Situationen arrangiere. So war z.B. die für mich sehr berührende Begegnung mit dem Sohn ihrer ersten großen Liebe nicht nur dem Zufall gezollt, auch wenn uns der Zufall dann wunderschön in die Hände gearbeitet hat. Gisela hatte mir von ihrer ersten großen Liebe in Paris erzählt, die für sie nach wie vor sehr wichtig ist. Dieser Mann, er heißt Phillipe, ist schon vor über 20 Jahren verstorben. Ich wollte mit ihr nach Paris reisen, wohin sie 1959 mit 16 Jahren abgehauen war. Bei der Überlegung, wo ich da drehen möchte, spielte die Wohnung eine Rolle, wo sie mit Philippe gelebt hatte. Sie wusste, dass die Wohnung noch im Besitz der Familie war, und dass Philippe einen Sohn hat. Véronique Friedmann, meine Produktionsleitung, hat sich dann dahinter geklemmt, und es stellte sich heraus, dass der Sohn Léo genau in dieser Zeit, in der wir in Paris drehen wollten, auch in Paris sein würde (er lebt in Helsinki). Er wollte Gisela sehr gern treffen und hatte die Schlüssel für die Wohnung. Insofern war diese Situation für den Film arrangiert, wobei man sagen muss, dass wir einfach viel Glück hatten. Aber alles, was dann bei dieser Begegnung passierte, ist „direct cinema“, nichts ist gestellt, weder mit Gisela, noch mit Léo. Und für beide war das eine wunderbare Begegnung. Das spürt man und das gibt den besonderen Zauber.

    Mussten Sie Gisela Tuchtenhagen zu dem Projekt überreden?

    Nein, sie hat mich ja mit ihrer vertrauensvollen Geste, mir ihr Tagebuch zu geben, auf die Spur gebracht und war einverstanden. Als wir dann angefangen haben zu drehen, gab es bei ihr, so glaube ich, kurz den Moment, wo sie gern zurückgetreten wäre, sie hat es aber niemals gesagt. Und im Laufe der Dreharbeiten war es für sie dann auch schön: Sich mit dem eigenen Leben zu beschäftigen, hat ja auch etwas von Bestandsaufnahme.

    Die Protagonistin ist selbst ein Profi hinter der Kamera. War dieser Umstand hilfreich für die Dreharbeiten?

    Gisela ist ein leiser, zurückhaltender und auch scheuer Mensch, deswegen liebt sie ihre Position hinter der Kamera. Für sie war es anfangs schwer aushaltbar, dass sie im Mittelpunkt steht und der Blick auf sie gerichtet ist. Dabei hat mir sehr geholfen, dass sie sich mit Volker Tittel, dem Kameramann, sehr gut verstanden hat. Und dass ihr seine Art zu drehen, die Leichtigkeit und Freude, die er dabei entwickelt, sehr gut gefallen hat. Ich glaube, sie mochte es, wie er sie mit seiner Kamera angeschaut hat – und dass er sich eingelassen hatte, das erste Mal auf diese „bescheidene Art“ zu drehen: im Zweierteam, mit kleinem Equipment improvisierend aus der Situation heraus. Ihm hat es sichtlich Spaß gemacht und das hat Gisela gefallen.

    Wie lange haben Sie an dem Film/Konzept gearbeitet?

    Die Dreharbeiten waren über einen Zeitraum von 8 Monaten verteilt, das war gut so, denn ich wollte bei ganz verschiedenen Anlässen dabei sein. Ich habe dann immer schon das Material ausgewertet, bis ich dann 10 Wochen mit der wunderbaren Cutterin Margot Neubert-Maric geschnitten habe. Die Schnittzeit war nicht am Stück, da Margot noch andere Projekte hatte und ich unbedingt mit ihr arbeiten wollte. Die Pausen haben dem Film aber sehr gut getan, in der Zwischenzeit konnte ich in Ruhe neue Ideen entwickeln. Insgesamt habe ich an dem Film ein Jahr gearbeitet, mit Vorbereitungszeit, wozu auch Geld einwerben gehört, waren es fast zwei Jahre.

    Formal haben Sie sich gegen eine lineare „Nacherzählung“ zugunsten einer filmischen Collage entschieden – warum?

    Das war von Anfang an so geplant. Oft finde ich linear erzählte Geschichten langweilig und ich wollte mehrere Ebenen zusammenführen: Giselas Tagebuchtexte, Ausschnitte ihrer Filme, filmische Reisen in die Vergangenheit und Beobachtungen der Gegenwart wollte ich formal, wie auch inhaltlich ineinander verweben. Insbesondere wollte ich unbedingt, dass sich die Filmausschnitte in die Erzählung einfügen, dass sie nicht kommentiert werden, sondern den Faden der Geschichte aufnehmen und die Geschichte auf einer anderen Ebene weiterspinnen. In meinem Exposé hatte ich das auch so formuliert – ehrlich gesagt, ohne zu wissen, ob es klappen würde. Und jetzt bin ich wirklich stolz, dass es funktioniert.

    In Ihrem Film gibt es auch Aussparungen, einige Dinge werden nur angedeutet. Ist das Ihr Stil?

    Für mich leben Geschichten geradezu auch von Leerstellen. Das bewegt unsere Fantasie. Ich will nicht alles erzählen, manchmal finde ich Angedeutetes viel spannender. Wir haben z.B. länger darüber diskutiert, ob wir die Passage mit in den Film hineinnehmen, in der einer der Protagonisten, mit denen Gisela dreht, sich bei ihr für ihre Offenheit bedankt. Sie hatte ihm u.a. erzählt, dass sie nur eine Brust habe. Er sagt zu ihr: „Wer würde das sonst sagen als Frau? Das find’ ich toll.“ Die Frage war, ob wir diese Passage in den Film schneiden konnten, obwohl der Film sonst nichts von ihrem Brustkrebs erzählt. Ich habe mich dafür entschieden, auch mit Unterstützung der Redakteurinnen Katya Mader und Inge Classen. Für mich war wichtig, dass diese Passage auf mehreren Ebenen etwas erzählt: Man erfährt, dass Gisela Brustkrebs hat und damit offensichtlich ganz selbstverständlich umgeht. Zugleich ist das eine starke Szene für ihren Umgang mit den Protagonisten ihrer Filme und macht darüber hinaus deutlich, dass diese bierseligen Männer, mit denen sie für ihren neuen Film „Hahnebeer“ (Arbeitstitel) dreht, durchaus sensibler sind, als sie in der Szene in der Kneipe erscheinen. Aber es mag sein, dass es Menschen geben wird, die sagen werden: Wie gehst du mit diesem großen Thema „Krebs“ um? Dieser Kritik werde ich mich stellen.

    Gab es Themenkomplexe, zu denen Gisela Tuchtenhagen vor der Kamera nicht Stellung nehmen wollte?

    Nein. So haben wir auch nie darüber gesprochen. Es gab allerdings Situationen, wo ich ganz klar gespürt habe, dass Gisela nicht viel sagen oder reden wollte, und dass sie von mir auch nicht gefragt werden wollte. Eine solche Situation ergab sich z.B. bei der Suche nach dem Erziehungsheim, in dem sie einen Teil ihrer Kindheit verbringen musste, und auch bei den Dreharbeiten in Paris. Ich war dann auch sehr zurückhaltend und vorsichtig und habe darauf vertraut, dass manche Themen, bzw. Geschichten keiner großen Verbalisierung bedürfen, sondern sich auf andere Weise erzählen, vielleicht sogar besser und intensiver. Ich habe beim Drehen Giselas scheue Art akzeptiert und ihr ein Stück ihres Geheimnisses gelassen. Und das finde ich gut.

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